Verkehrtherapeutische Begleitung durch Psychologen

Verkehrtherapeutische Begleitung durch Psychologen

Faktor Mensch

Jun 2017

Damit eine Verhaltensänderung hin zu einem gesunden, kontrollierten Alkoholkonsum oder sogar einem Alkoholverzicht möglichst langanhaltend und auch nach Ausbau des Gerätes wirksam bleibt, ist eine therapeutische Begleitung durch Psychologen notwendig. Dies belegt auch eindrucksvoll eine Studie aus Florida aus dem Jahr 2016. Die Forscher um Robert Voas verglichen Alkohol-Interlock-Nutzer, die sich gleichzeitig einer therapeutischen Intervention unterzogen, mit Interlock-Nutzern ohne therapeutische Begleitung. Sie konnten belegen, dass es in der Gruppe mit herapeutischer Intervention eine um 32 Prozent geringere Rückfallquote (im Sinne iner erneuten Trunkenheitsfahrt) gab als in der behandlungsfreien Gruppe. Die Autoren schätzen, dass sie damit unter der Behandlungsgruppe von 13.458 lkohol-Interlock-Nutzern 41 erneute Verhaftungen, 13 Unfälle und neun Unfallverletzte nach Ausbau des Geräts verhindert haben.

Für ein erfolgreiches Akohol-Interlock-Programm ist es außerdem wichtig, dass die Daten, die das Gerät speichert, auch ausgewertet werden, sodass zum Beispiel systematische Fehlversuche mit dem Nutzer besprochen werden können. Dazu bedarf es einer eingewiesenen Person, die eine Schnittstelle zwischen dem Gerätehersteller, dem Überwacher wie etwa der Fahrerlaubnisbehörde und dem Nutzer bildet. So würden zum Beispiel wiederholte Fehlstarts am Montagmorgen darauf hinweisen, dass dem Betroffenen die Problematik des Restalkohols nicht bewusst ist. An dieser Stelle ist eine Aufklärung und eine Verhaltensanpassung mithilfe eines Verkehrspsychologen sicherlich erfolgsversprechend.

Im Ergebnis einer von DEKRA unterstützten Studie zur Einführung eines Alkohol-Interlock- Programms in Deutschland wurden auch Vorschläge zu einer begleitenden therapeutischen Maßnahme unterbreitet. Nach einer Eingangsdiagnostik und dem verkehrspsychologischen Vorgespräch vor dem Einbau des Alkohol-Interlock-Gerätes sollten in der Regel in einem Halbjahreszeitraum jeweils sechs je zweistündige Einzelsitzungen stattfinden und durch Übungsaufgaben zwischen den Sitzungen (Intersessionsarbeit) unterstützt werden.
Gegenstand der Sitzungen sind neben den Lehrinhalten auch die Auswertungen der Alkohol-Interlock-Ergebnisse inklusive der Besprechung von Auffälligkeiten in den Alkohol-Interlock-Daten, der Selbstbeobachtungs-/Trinkprotokolle sowie der erhobenen Laborparameter.

Legislative Massnahmen und Überwachung

Um die Einhaltung von Regeln im Rahmen der Straßenverkehrssicherheit zu überwachen, gibt es weltweit unterschiedliche Ansätze, die unter dem Begriff „Enforcement“ (= Durchsetzung) zusammengefasst werden. Ein Beispiel für die Einhaltung von Alkoholgrenzen und Drogenabstinenz im Straßenverkehr stellt das sogenannte „Roadside Testing“ dar. Dabei werden alle Fahrer im Rahmen einer polizeilichen Kontrolle auf Alkohol oder Drogen getestet – unabhängig davon, ob sie zuvor im Straßenverkehr anderweitig auffällig geworden sind. Um den Überwachungsdruck zu erhöhen, werden solche Kontrollen regelmäßig durchgeführt.

Dass die toxikologische Untersuchung aller Fahrer im Straßenverkehr eine sinnvolle Maßnahme ist, zeigt sich insbesondere auch in Australien. Dort wird das sogenannte „Roadside Testing“, also die Untersuchung am Straßenrand, seit den 1980er-Jahren praktiziert. Um Alkohol im Straßenverkehr zu bekämpfen, ist es den australischen Behörden möglich, bei jedem Fahrer Atemalkoholanalysen durchzuführen. Solche Kontrollen werden „Random Breath Tests“ genannt und können mobil oder stationär erfolgen. Bei einer mobilen Kontrolle hält ein Streifenwagen der Polizei einen Fahrer an und lässt ihn in ein Analysegerät pusten. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Fahrer auffällig gefahren ist, nach Alkohol riecht oder einen Unfall verursacht hat. Die Polizei benötigt für eine solche Kontrolle keinen Anfangsverdacht. Bei temporär-stationären Kontrollen werden am Straßenrand sogenannte „Checkpoints“ errichtet. Jeder Fahrer, der diesen Checkpoint passiert, muss sich einer Alkoholkontrolle unterziehen.

Die Omnipräsenz der Alkoholkontrollen hat in Australien dazu geführt, dass die Fahrer ihr Trinkverhalten angepasst haben. In einer Studie aus dem Jahr 2011 berichten 80 Prozent der befragten Australier, dass sie in den letzten sechs Monaten solche Alkoholkontrollen beobachtet hätten. Zum Vergleich ergab eine europäische Befragung in 17 Ländern im Jahr 2015, dass nur 19 Prozent der Befragten in den letzten 12 Monaten eine Alkoholkontrolle erlebt haben. Sogar nur vier Prozent wurden in den letzten 12 Monaten auf Drogen kontrolliert.

Für den positiven Effekt der Einführung zufälliger Alkoholkontrollen ist der australische Staat New South Wales ein gutes Beispiel. Dort wurden die Alkoholkontrollen im Dezember 1982 eingeführt. Im ersten Jahr wurden fast eine Million Atemalkoholtests durchgeführt – also eine Kontrolle bei jedem dritten Fahrer. 1987 sind mehr als 50 Prozent aller Fahrer in Sydney einmal auf Alkohol getestet worden. In der Folge konnten weniger Alkoholunfälle festgestellt werden – unabhängig davon, ob es sich um Alkoholunfälle mit Todesfolge oder nächtliche Alleinunfälle handelte. Anfänglich reduzierten sich die Unfälle mit Todesfolge um 48 Prozent, die schwerwiegenden Unfälle um 19 Prozent und die nächtlichen Alleinunfälle um 26 Prozent. Auch auf die Einstellungen der Fahrer hatte diese Form der Strafverfolgung einen Einfluss. So berichteten die Fahrer fünf Jahre nach der Einführung der zufälligen Alkoholkontrollen, dass sie bei Trinkanlässen vorab planen, nicht selbst zu fahren. Auch wurden Trunkenheitsfahrten als kriminell und unverantwortlich bewertet. Bis 2012 wurden geschätzte 85 Millionen Atemalkoholkontrollen durchgeführt. 545.000 Fahrer wurden wegen Trunkenheitsfahrten angezeigt. Das lässt den Schluss zu, dass seit der Einführung der Alkoholkontrollen im Jahr 1982 rund 7.000 Leben gerettet wurden.

Brasilien hat schon vor einigen Jahren im Kampf gegen die vielen Verkehrstoten die Zügel deutlich straffer angezogen: Im Juni 2008 trat die „Lei Seca“ (= das „Trockene Gesetz“) in Kraft: Seitdem herrscht ein striktes Alkoholverbot für Autofahrer, einen Toleranzbereich gibt es nicht. Knapp 400 Euro Geldstrafe und ein Jahr Führerscheinentzug sind die geringsten Strafen bei Übertretung des Gesetzes. Wer volltrunken Auto fährt, begeht bereits eine Straftat, die mit bis zu drei Jahren Haft geahndet werden kann. Und bei Unfällen mit Todesfolge wird der alkoholisierte Autofahrer wie für Mord oder Vergewaltigung bestraft – es drohen im schlimmsten Fall 20 Jahre Gefängnis.

Die Wirkung des Gesetzes ist unter Experten allerdings umstritten. Einheitliche und verlässliche Zahlen zu den Verkehrstoten durch Alkohol sind aus Brasilien kaum verfügbar. Die Tatsache, dass die Gesamtzahl der Verkehrstoten von knapp 37.600 im Jahr 2009 auf knapp 45.000 im Jahr 2012 angestiegen ist, lässt jedoch die Vermutung zu, dass damit auch der Prozentsatz der alkoholbedingten Verkehrsunfallopfer zugenommen hat. Auch 2014 kamen auf Brasiliens Straßen noch über 43.000 Menschen ums Leben. Alkohol ist dabei nach Angaben der Associação Brasileira de Estudos de Álcool e Outras Drogas in 61 Prozent der Unfälle mitursächlich, bei Unfällen mit Todesfolge sogar in 75 Prozent der Fälle. Die Zahlen lassen die Vermutung zu, dass der Überwachungs- und Kontrolldruck seitens der brasilianischen Polizei noch weiter erhöht werden muss, um so eine noch bessere Effektivität der „Lei Seca“ zu erreichen.

Auch andere EU-Mitgliedsstaaten haben reagiert: So hat Frankreich zum 1. Juli 2015 für Fahrer unter 25 Jahren die im Straßenverkehr zulässige Blutalkoholkonzentration von 0,5 auf 0,2 Prozent gesenkt. Nicht ohne Grund: Immerhin machten 2015 in Frankreich junge Fahrer zwischen 18 und 24 Jahren ein Viertel aller alkoholisierten Fahrer aus, die an einem Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang beteiligt waren.

Gezielte Aufklärung von Risikogruppen

Eine andere Möglichkeit, Alkoholunfälle zu verhindern, besteht in gezielter Aufklärung von Risikogruppen. In Portugal werden zum Beispiel seit 2013 Aktionen an Brennpunkten durchgeführt, die Studenten vom Fahren unter Alkohol und Drogen abhalten sollen. Ein Team von mehreren Freiwilligen ist in der Nacht unterwegs und klärt die jungen Leute über die Gefahren von Trunkenheitsfahrten auf. Die Studenten werden ermuntert, an einer Atemalkoholanalyse teilzunehmen. Fahrer, die ohne Alkohol unterwegs sind, bekommen ein Geschenk. In einer anderen portugiesischen Aufklärungskampagne wurden insbesondere Landwirte über die Gefahren von Alkohol am Steuer aufgeklärt, da es eine hohe Unfallrate mit Traktoren gab. Auch dabei kamen Alkoholanalysen zum Einsatz, die von den Teilnehmern positiv aufgenommen wurden.

Ein weiteres Beispiel für gezielte Risikoaufklärung kommt aus Russland: Dort haben 67 Fahrschulen in der Region Smolensk als Pilotprojekt das Trainingsmodul „Avtorevost“ (Autonüchternheit) eingeführt. Dabei wird im Rahmen eines freiwilligen Kurses bei der Fahrschulausbildung in einer 90-minütigen interaktiven Unterrichtseinheit über Trunkenheitsfahrten aufgeklärt. Zur Sprache kommen in diesem Modul Statistiken, die Risiken von Fahren unter Alkoholeinfluss, die rechtlichen Konsequenzen und die polizeilichen Initiativen zur Verhinderung von Trunkenheitsfahrten. Mit diesem Projekt sollen vor allem die Einstellungen zu Fahrten unter Alkoholeinfluss verändert werden, indem ein geschärftes Risikobewusstsein geschaffen wird. Außerdem soll dadurch auch die soziale Toleranz gegenüber Trunkenheitsfahrten in der Bevölkerung abgebaut werden. 2015 berichteten 34 Prozent der Befragten in Smolensk, dass Fahrten unter Alkohol regelmäßig vorkommen. Dies sind immerhin zwölf Prozent weniger als im Vorjahr.