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Straßen sollten selbsterklärend sein

Mai 2022

Infrastruktur

Außer der Fahrzeugtechnik und dem Faktor Mensch ist für die Verkehrssicherheit nicht zuletzt von jungen Menschen auch eine funktionstüchtige und effiziente Infrastruktur von ganz entscheidender Bedeutung. Im Vordergrund sollte hier stehen, durch straßenbauliche und verkehrsregelnde Maßnahmen unfallbegünstigende Faktoren zu beseitigen und darüber hinaus Gefahrenstellen so zu entschärfen, dass bei einem Unfall die Folgen möglichst gering ausfallen.

Kurvige Landstraße

Die Unfallstatistiken zahlreicher Staaten machen deutlich, dass ungefähr zwei Drittel der jungen Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren bei Verkehrsunfällen auf Landstraßen ums Leben kommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Überhöhte Geschwindigkeit und Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss spielen ebenso eine Rolle wie Selbstüberschätzung und die noch nicht sonderlich ausgeprägte Fähigkeit, den Straßenverlauf mit möglicherweise engen Kurven richtig einzuschätzen und die Fahrweise entsprechend anzupassen. Ein interessantes Bild im Hinblick auf die Bedeutung der Infrastruktur für das Unfallgeschehen vor allem auch von jungen Fahrern zeigt eine Datenauswertung des vom baden-württembergischen Verkehrsministerium entwickelten Verkehrssicherheits- Screenings – eines Tools, das in dieser Form europaweit bislang nach wie vor einzigartig sein dürfte. Die für diesen Report analysierten Daten stammen aus den Jahren 2016 bis 2020 und beziehen sich auf das Unfallgeschehen außerorts ohne Autobahnen, also auf Bundes-, Landes- und Kreisstraßen. Danach gehörten auf diesen Straßen in Baden-Württemberg rund 20 Prozent der unfallverursachenden Personen am Steuer eines Pkw zur Altersklasse der 18- bis 24-Jährigen. Zum Vergleich: In der weitaus größeren Altersgruppe der 25- bis 64-Jährigen waren es insgesamt knapp 60 Prozent.

ENGERE KURVENRADIEN SIND IN DER REGEL MIT EINEM HÖHEREN UNFALLRISIKO VERBUNDEN

Splittet man das Unfallgeschehen für den genannten Zeitraum weiter auf, so lässt sich unter anderem feststellen, dass junge Personen am Steuer eines Pkw anteilig etwa doppelt so häufig wie die 25- bis 64-Jährigen in Unfälle verwickelt waren, die sich aus dem Verlust der Kontrolle über das Fahrzeug entwickelt hatten (28,6 zu 14,5 Prozent). Eine Unterteilung nach Straßenklassen zeigt insbesondere für Landes- und Kreisstraßen einen deutlich höheren Anteil an solchen Fahrunfällen für junge Personen (30,9 zu 14,9 Prozent). Die Gründe hierfür liegen auf der Hand: Landes- und Kreisstraßen, die in Baden-Württemberg 22.167 Kilometer des Straßennetzes einnehmen – Bundesstraßen machen 4.202 Kilometer aus –, beinhalten einen höheren Anteil von Straßen mit geringerer Fahrbahnbreite und weisen damit auch engere Kurvenradien auf. Damit ergeben sich gerade für unerfahrene Personen mehr Probleme, mit dem Fahrzeug dem Straßenverlauf zu folgen. Bundesstraßen haben wegen ihrer größeren Bedeutung im Straßennetz und der damit einhergehenden höheren Verkehrsbelastung in der Regel einen höheren Ausbaustandard.

In 25,3 Prozent der Fälle waren junge Personen außerorts (ohne Autobahnen) in Unfälle mit einem einbiegenden oder kreuzenden Fahrzeug verwickelt (25- bis 64-Jährige in 33,3 Prozent der Fälle). Unfälle im Längsverkehr mit Fahrzeugen in gleicher oder entgegengesetzter Richtung verursachten junge Personen in 26,4 Prozent der Fälle (25- bis 64-Jährige in 27,5 Prozent der Fälle). Unangepasste Geschwindigkeit oder Überschreiten der zulässigen Geschwindigkeit wurde jungen Personen je nach Art der Unfallursache und Straßenkategorie anteilig zweieinhalb- bis fünfmal so häufig zugewiesen wie den 25- bis 64-Jährigen. Etwa jeder dritte von einer jungen Person verursachte Unfall ereignete sich in der Nacht – bei den 25- bis 64-Jährigen war es „nur“ jeder vierte Unfall. Die Straßenkategorie hatte keinen Einfluss auf den Wert. Bei den jungen Personen war bei einem Drittel der Unfälle die Straße nass, verschmutzt oder schneebedeckt – bei den 25- bis 64-Jährigen bei 28 Prozent der Unfälle. Auch hier hatte die Straßenkategorie keinen Einfluss auf den jeweiligen Wert.

AUSGEPRÄGTES SICHERHEITSMANAGEMENT

Auch wenn die genannten Daten sich auf Baden- Württemberg beschränken, dürften sie durchaus repräsentativ für vergleichbare Unfallgeschehnisse im Straßenverkehr in vielen anderen Ländern dieser Welt sein. Nicht ohne Grund sieht zum Beispiel die EU-Kommission die Infrastruktur als einen wesentlichen Bereich ihrer Politik zur Verbesserung der Straßenverkehrssicherheit an. Dabei geht es nicht nur um Neubauprojekte, sondern insbesondere auch um die gezielte Erhöhung des Sicherheitsniveaus bestehender Straßen, wie die EU-Richtlinie 2019/1936 vom 23. Oktober 2019 zur Änderung der Richtlinie 2008/96/EG über ein Sicherheitsmanagement für die Straßenverkehrsinfrastruktur untermauert. Einen hohen Stellenwert nehmen darin unter anderem auch Aspekte wie der Zustand der Fahrbahndecke, die Vorhersehbarkeit der Straßenführung, die Erkennbarkeit der Fahrbahn, die Seitenraumgestaltung, Fahrbahnmarkierungen, die Gestaltung von Kreuzungs- und Einmündungsbereichen oder die Schaffung von Ausweich- und Überholmöglichkeiten ein.

In der Tat ist für die Verkehrssicherheit auf Landstraßen neben dem Zustand der Fahrbahndecke vor allem auch die Erkennbarkeit des Fahrbahnverlaufs und der einzelnen Fahrstreifen bei unterschiedlichen Licht- und Wetterverhältnissen ein zentraler Faktor. Zur Orientierung dienen dabei ganz klassisch Fahrbahnmarkierungen, Straßenreflektoren, Leitpfosten und vor Kurven angebrachte Richtungstafeln. Sowohl zur Unfallvermeidung als auch zur Minderung von Unfallfolgen spielt die Seitenraumgestaltung von Landstraßen eine wichtige Rolle. Dem Fahrer dient sie als erste Orientierung, wie die Straße weiter verläuft. Gleichzeitig schafft sie eine Erwartungshaltung zum weiteren Zustand der Straße und beeinflusst damit zum Beispiel direkt die Geschwindigkeitswahl. Diskrepanzen zwischen suggeriertem und realem Straßenverlauf und -zustand gilt es daher unbedingt zu vermeiden.

BESSERER SCHUTZ VOR BAUMANPRALL

Ein immer wieder kontrovers diskutiertes Thema ist die Bepflanzung des Seitenraums. Was die Anzeige des weiteren Straßenverlaufs angeht, ist die Allee nahezu unübertroffen. Allerdings bergen Bäume neben der Straße, egal, ob in einer Reihe gepflanzt, am Waldrand oder einzeln stehend, ein sehr hohes Risiko für Verkehrsteilnehmer im Falle eines Anpralls. Zudem stellen sie Sichthindernisse dar. Wildtiere können plötzlich hinter Bäumen oder Buschwerk hervor auf die Fahrbahn rennen, Einmündungen werden zu spät erkannt, und durch das Hell-dunkel- Wechselspiel werden Fußgänger und Radfahrer, aber auch unbeleuchtete andere Fahrzeuge erst zu einem deutlich späteren Zeitpunkt sichtbar.

Dass ein Abholzen unzähliger Bäume entlang von Landstraßen aus vielerlei Gründen nicht möglich ist, steht außer Frage. Nicht nachvollziehbar ist dagegen, dass nach wie vor immer wieder junge Bäume unmittelbar neben Landstraßen angepflanzt werden. Auch Buschwerk und Sträucher können eine ökologisch und sicherheitstechnisch sinnvolle Variante der Straßenraumgestaltung sein. Hiermit werden Fahrzeuge großflächig und relativ sanft aufgehalten. An Einzelstellen mit bekanntem Gefahrenpotenzial durch Bäume, die nicht versetzt werden können, sind oftmals Schutzplanken oder Anpralldämpfer denkbare Lösungen. Schutzplanken helfen, für die Fahrer unkontrollierbar gewordene Fahrzeuge auf der Fahrbahn zu halten und so den Anprall gegen dahinter befindliche Hindernisse zu verhindern. Durch die systemseitige Energieaufnahme und die Formgebung wird zudem versucht, anprallende Fahrzeuge mit geringen Belastungen für die Insassen abzubremsen, ohne dass es zu einem „Abprallen“ in den Gegenverkehr kommt. Für Motorradfahrende sind gesonderte Schutzmaßnahmen, zum Beispiel in Form von Unterzügen, zu ergreifen.

VERKEHRSREGELNDE MASSNAHMEN

Bäume neben einer Straße
Bäume neben der Straße stellen für Verkehrsteilnehmer im Falle eines Anpralls ein hohes Risiko dar

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit Unfällen auf Landstraßen besteht darin, dass Überholvorgänge nicht selten mit Frontalkollisionen oder schleuderndem Abkommen von der Fahrbahn enden. Unzureichende Sicht, Fehleinschätzung von Abständen und Geschwindigkeiten sowie die eigene Ungeduld sind nur einige Gründe für die oftmals fatale Entscheidung zum Überholen. Gerade auf Landstraßen mit hoher Lkw-Dichte kommt es zu deutlichen Geschwindigkeitsdifferenzen und dem Wunsch vieler Pkw-Fahrer, möglichst schnell zu überholen. Hier sind geeignete Möglichkeiten zu schaffen. Die optimale Lösung wäre – wie in Schweden schon seit Jahren praktiziert – der vierstreifige Ausbau der Landstraßen mit baulicher Trennung der Richtungsfahrbahnen. Erhöhen lässt sich die Verkehrssicherheit auf Landstraßen auch durch abschnittsweise angelegte Überholfahrstreifen in Kombination mit Überholverboten wie auch durch Geschwindigkeitsbegrenzungen. Allein die Anordnung etwa von zulässigen Höchstgeschwindigkeiten führt aber noch nicht zu einem Sicherheitsgewinn. Erst wenn sich die Verkehrsteilnehmer auch an die Regeln halten, kommt man dem gewünschten Effekt näher. Es muss also ein Risiko bestehen, dass Geschwindigkeitsüberschreitungen erkannt und geahndet werden. In den Niederlanden wird ein System praktiziert, die Straße so zu gestalten, dass man automatisch die Geschwindigkeit fährt, die dort vorgesehen ist. Eine intelligente Straßengestaltung kann so die Notwendigkeit zur Überwachung der zulässigen Geschwindigkeit reduzieren.

Klar ist: Verkehrssicherheit kostet Geld. Und gerade Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur fallen hier oftmals besonders ins Gewicht. Eine zuverlässige und sichere Infrastruktur stellt aber auch das Rückgrat der Wirtschaft eines Landes sowie der individuellen Mobilität und damit der Lebensqualität dar. Langfristige Planung und ein sicherheitsorientierter Mitteleinsatz können aber auf Dauer Geld sparen. Wer heute den Baum nicht direkt neben den Fahrbahnrand pflanzt, muss morgen keine teure Schutzplanke davor bezahlen; wer den Fahrbahnbelag großflächig erneuert und neu markiert, handelt wirtschaftlicher als mit dem ewigen Ausbessern entstehender, immer tiefer in die Straßensubstanz einwirkender Schäden.

Ziel muss am Ende stets die selbsterklärende, fehlerverzeihende Straße sein. Soll heißen: Der Nutzer erkennt intuitiv schon allein aufgrund der Straßengestaltung, welches Fahrverhalten und welche Geschwindigkeit von ihm verlangt werden. Gefährliche Stellen sind als solche erkennbar. Gleichzeitig bietet die Straße genügend Sicherheitsreserven, damit ein Fahrer nach einem Fehler schnell wieder die Kontrolle über sein Fahrzeug erlangt und es möglichst zu keinem Unfall kommt beziehungsweise die Unfallfolgen weniger gravierend sind.

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