Autofahrer im Blindflug

Autofahrer im „Blindflug“

Faktor Mensch

Apr 2016

Ein seit Jahren stark zunehmendes Problem mit hohem Unfallrisiko ist die Ablenkung am Steuer. Wie die Ergebnisse einer von DEKRA im Sommer 2015 durchgeführten Umfrage unter 1.100 Autofahrern in Deutschland zeigen, sind viele davon im Straßenverkehr nicht so bei der Sache, wie es notwendig wäre. Jeder zweite Autofahrer (52 Prozent) nutzt während der Fahrt das Telefon, knapp fünf Prozent ohne die vorgeschriebene Freisprecheinrichtung. Doch das ist längst nicht alles: Mehr als jeder fünfte Fahrer (22 Prozent) programmiert das Navigationsgerät während der Fahrt, und acht Prozent beschäftigen sich unterwegs mit ihrem Smartphone. Wenn das Handy eine neue SMS oder Chat- Nachricht meldet, schreiben zwei Prozent der Fahrer noch beim Fahren eine Antwort, sieben Prozent bei Stop-and-Go oder an der nächsten Ampel. Jeder Zweite (52 Prozent) isst und trinkt am Steuer, zudem stellen 79 Prozent Radiosender ein oder schieben eine CD in den Player. Drei Prozent der Frauen schminken und kämmen sich am Steuer. Nur fünf Prozent der Autofahrer verzichten ganz auf solche Nebenaktivitäten.

Besonders häufig lassen sich junge Autofahrer zum Hantieren mit dem Smartphone verleiten. Von den bis 25-Jährigen schreiben fünf Prozent noch während der Fahrt eine Antwort, wenn sie eine Kurznachricht erhalten. 16 Prozent posten ihre Antwort bei Stop-and-Go oder an der nächsten Ampel. 15 Prozent der jungen Fahrer nutzen am Steuer das Smartphone – rund doppelt so viele wie im Durchschnitt. Schon das Telefonieren am Steuer, ob mit oder ohne die vorgeschriebene Freisprecheinrichtung, kann den Fahrer stark vom Verkehrsgeschehen ablenken. Vor allem in komplexeren Verkehrssituationen wie dichtem Verkehr oder kurviger Strecke kann sich die Unfallgefahr erheblich erhöhen. Das gilt erst recht für alle Aktionen, bei denen der Fahrer das Verkehrsgeschehen nicht im Blick behält. Bereits eine Sekunde Unaufmerksamkeit bedeutet bei Tempo 80 einen Blindflug von 22 Metern.

Risikooptimierung ist notwendig

Angesichts der mit Ablenkung am Steuer verbundenen Gefahren für alle Verkehrsteilnehmer war diesem Thema Anfang Dezember 2015 beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) ein eigenes Kolloquium gewidmet. Bei der unter anderem von DEKRA unterstützten Veranstaltung verwies zum Beispiel Prof. Mark Vollrath von der Technischen Universität in Braunschweig auf eine Studie aus den USA, wonach das Schreiben und Lesen von Textbotschaften das Unfallrisiko auf das 164-Fache erhöhe. Beim Telefonieren während der Fahrt sei die Auswirkung der Ablenkung mit einer Alkoholisierung von 0,8 Promille vergleichbar, beim Schreiben von SMS mit den Auswirkungen von 1,1 Promille. Zudem hätten die Verkehrsteilnehmer ein zu geringes Bewusstsein für die Gefährlichkeit der Blickabwendung. Die von den Fahrern praktizierte Kompensation etwa durch niedrigere Geschwindigkeit und größeren Abstand reiche bei Textnachrichten nicht aus.

Als dringend notwendige Maßnahmen nannte der österreichische Psychologe Dr. Gregor Bartl die standardisierte, EU-weite Erfassung der Unfallursache Ablenkung, die Aufnahme einer einheitlichen Ablenkungsaufgabe in Fahrprüfung und Fahrausbildung sowie die Berücksichtigung des Themas in der Berufskraftfahrerweiterbildung. Wie DVR-Präsident Dr. Walter Eichendorf ausführte, müssten darüber hinaus die gesetzlichen Vorschriften für die Nutzung von Mobiltelefonen bei der Verkehrsteilnahme dringend aktualisiert werden, wobei die neue Regelung nicht nur für Fahrzeugführer, sondern auch für Fußgänger gelten sollte.

Insgesamt ist festzuhalten, dass Nebentätigkeiten im Straßenverkehr – ob beim Fahren eines Autos oder als Fußgänger – dazu führen, dass dem aktuellen Geschehen nicht die volle Aufmerksamkeit gewidmet werden kann. Auch die Bedienung der verschiedenen technischen Einrichtungen im Auto bindet Aufmerksamkeit, die dann nicht mehr auf den Straßenverkehr selbst gerichtet ist. Dies führt dazu, dass aufgrund der beschränkten Verarbeitungskapazität des Gehirns wichtige Informationen nicht wahrgenommen und verarbeitet werden können.