Verkehrsunfälle mit Kindern - eine besondere psychische Belastung

Mai 2019

Faktor Mensch

Plüschtier auf der Straße
Verkehrsunfälle haben für alle Beteiligten oftmals schwere psychische Folgen. Professionelle Unterstützung kann bei der Verarbeitung des Erlebten eine Hilfe sein.

Die Erfahrungen zeigen es immer wieder aufs Neue: Verkehrsunfälle lösen bei Kindern starke Angstgefühle und Hilflosigkeit aus – unabhängig davon, ob sie solche miterleben müssen oder unmittelbar selbst betroffen sind. Von Bedeutung ist dabei insbesondere die vom Kind subjektiv erlebte Gefahr und weniger die Schwere der erlittenen Verletzungen.

Bei und unmittelbar nach einem Unfall herrscht zunächst einmal ein psychischer Erregungszustand, in dessen Folge große Mengen an Stresshormonen ausgeschüttet werden. Kinder reagieren darauf vermehrt mit Weinen, Schreien, Aggression, Zittern und Schwindelgefühl. In Abhängigkeit von der Schwere der Verletzung laufen sie aufgeregt umher oder vom Unfallort weg. Bei manchen Kindern tritt ein hohes Redebedürfnis auf – sie wollen unmittelbar vom Erlebten berichten. Andere Kinder wiederum erstarren förmlich. Sie sind plötzlich vollkommen still, bewegungsunfähig und in sich zurückgezogen. Dies erweckt zunächst den Eindruck, ihnen wäre der Unfall gleichgültig. Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um einen Schutzmechanismus, um vom Erlebten nicht völlig überwältigt zu werden.

Besonders belastend ist für Kinder der Anblick von Toten, Blut, Verletzten und Erbrochenem sowie sonstigen Spuren eines Unfalls wie zum Beispiel Bremsspuren auf einer Straße. Insbesondere scharfe, stechende oder unbekannte Gerüche werden von Kindern intensiver wahrgenommen als von Erwachsenen und können zu Ängsten, Kopfschmerzen und Übelkeit führen.

Wurde ein Kind bei einem Verkehrsunfall verletzt, so empfindet es dementsprechende Schmerzen. Allerdings variiert das subjektive Schmerzempfinden stark. So können insbesondere von jüngeren Kindern tatsächlich bedrohliche Verletzungen als harmlos eingestuft werden, während Bagatellverletzungen wie oberflächliche Wunden als äußerst bedrohlich erlebt werden können. Aus Furcht davor, die Situation zu verschlimmern, schmerzhafte Behandlungen erwarten zu müssen oder ausgeschimpft zu werden, neigen vor allem jüngere Kinder dazu, Schmerzen und belastende Gedanken nicht anzusprechen. Dies muss bei der Beurteilung des Zustands des Kindes berücksichtigt werden.

Ist eine vertraute Bezugsperson während des Verkehrsunfalls anwesend, fühlen sich Kinder wesentlich sicherer, während das Erlebte ohne eine solche Begleitung als belastender empfunden wird. Je ruhiger und gelassener sich Bezugspersonen während eines Unfalls und in der ersten Zeit danach verhalten, desto zuversichtlicher sind Kinder bei der Bewältigung des Erlebnisses.

Sind Kinder Opfer eines Unfalls geworden, ist dies für die anderen Notfallopfer und für die Angehörigen – an erster Stelle für die Eltern – besonders bedrückend. Für die am Unfall unmittelbar Beteiligten und darüber hinaus betroffene Personen ist dabei oftmals die Schuldfrage von zentraler Bedeutung. Augenzeugen, die einen Unfall mit angesehen haben, können ebenfalls stark belastet sein. Da jedoch keine persönliche emotionale Bindung zum direkten Opfer besteht, benötigen sie in der Regel nicht dasselbe Ausmaß an psychologischer Betreuung wie Angehörige.

Entwicklung der psychischen Belastung eines Kindes in der Zeit nach dem Verkehrsunfall

Grundsätzlich haben Kinder und ältere Menschen das größte Risiko, pathologische Traumatisierungen nach einem psychisch belastenden Ereignis davonzutragen. Jüngere Kinder sind dabei generell stärker belastet als ältere, da sie emotional weniger gefestigt sind und ihnen erfahrungsbasierte Bewältigungsstrategien fehlen. Bei traumatisierten Kindern können Störungen der emotionalen, sozialen sowie psychomotorischen Entwicklung entstehen. Kurzfristige emotionale Folgen können neben einer akuten Belastungsreaktion auch Angst, Wut, Schamgefühl, Trauer und Antriebslosigkeit sein. Nach dem Unfall kreisen die Gedanken oft um das Geschehene. Ähnlich wie bei Erwachsenen können sich Erinnerungen immer wieder aufdrängen und Schlafstörungen verursachen. Außerdem kommt es häufig zu Konzentrationsstörungen und unter Umständen zu schulischen Leistungseinbußen. Nicht selten ändert sich nach einem Unfall auch das Essverhalten – immer wieder kommt es nach solch einem traumatischen Erlebnis vor, dass Kinder entweder deutlich an Gewicht verlieren oder zunehmen.

In einer Studie der Akademie Bruderhilfe traten bei 38 Prozent der Kinder, die einen Verkehrsunfall miterlebt haben, auch nach vier Jahren noch Symptome der psychischen Belastung auf. Wiederum 37 Prozent dieser Kinder empfanden weiterhin Angst im Straßenverkehr. 30 Prozent der untersuchten Kinder klagten über Schlafstörungen, 16 Prozent über häufige Albträume und Unruhen. Bei 21 Prozent traten Konzentrationsschwierigkeiten auf und bei 16 Prozent verschlechterte sich die schulische Leistung. Zwölf Prozent der Kinder hatten Aggressionen und Wutausbrüche. Es wurden einige weitere Notfallfolgen beobachtet, zum Teil auch erst lange nach dem Verkehrsunfall.

Angst- beziehungsweise Panikstörungen sowie Depressionen können sich ausprägen

Auf längere Sicht besteht die Gefahr von Anpassungsstörungen, sozialer Isolation, spezifischen Zwangshandlungen, Hautausschlag, Kopfschmerzen, Geschwüren, Verdauungsstörungen und Infekten. Alkohol, Nikotin- und weitere Drogenabhängigkeiten können sich insbesondere bei Jugendlichen manifestieren. Insbesondere bei Kindern können die psychischen Symptome nach einem Verkehrsunfall mit erheblicher Verzögerung auftreten. Verhält sich ein Kind zunächst völlig unverändert, so ist dies daher kein Garant dafür, dass es keine psychische Traumatisierung davongetragen hat. Die psychischen Folgen eines Verkehrsunfalls im Kindesalter werden von Eltern und Lehrern häufig unterschätzt, wodurch notwendige Hilfe unterbleibt. Solch ein unverarbeitetes psychisches Trauma birgt ein Risiko für die Entwicklung weiterer psychischer Störungen im späteren Leben.

Generell sind einige Kinder allerdings durchaus in der Lage, das Erlebte gut zu verarbeiten. Ein intaktes Familienleben sowie bestehende und vertrauensvolle Bindungen zu erwachsenen Bezugspersonen und zu Freunden vermindern die psychischen Belastungen und fördern die Bewältigung des Erlebten. Dabei ist es besonders hilfreich, wenn das Kind sich traut, mit Bezugspersonen offen über Gedanken und Gefühle zu sprechen und Hilfsangebote anzunehmen. Das Miterleben und die Bewältigung eines Notfalls können auch positive Auswirkungen nach sich ziehen – zum Beispiel innerliche Festigung, soziale Reife und Stärkung des Verantwortungsgefühls.

Grundsätzlich können Kinder nach einem Verkehrsunfall durch notfallpsychologische Maßnahmen unterstützt werden. Um die passenden Maßnahmen zu treffen, kommt es darauf an, dass man frühzeitig erkennt, welche Kinder gefährdet sind, im weiteren Verlauf eine posttraumatische Störung zu entwickeln. Spätestens wenn die posttraumatischen Symptome über vier Wochen unvermindert bestehen bleiben oder ein Kind besonders stark leidet, sollte therapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.

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